Ich habe bei NaNoWriMo mitgemacht (übrigens sehr empfehlenswert, weil man, um die Vorgaben – 50.000 Wörter in 30 Tagen – zu erfüllen, seinen inneren Lektor überwinden muss), und habe es nicht bereut. Und gewonnen. Herausgekommen ist bei dem Ganzen ein 133-seitiges Buch. Eine wirre Space Opera, auf deren zu Grunde liegenden Plot ich relativ stolz bin, die aber in der Wichtigkeit der Philosophien, die die Charaktere vertreten, und den epischen Enthüllungen irgendwie versinken wie der liebe Ötzi im Schnee.

Aber das Schreiben war… befreiend und eigentlich ziemlich wahnsinnig spannend. Es war etwas, das ich lange Zeit nicht mehr gemacht hatte, da ich mein altes, begonnenes Buch mit Politik und Prophezeihungen, dem endlosen Warten auf einen Krieg, der nicht und nicht ausbrichen will und komplett passiven Protagonisten in den Karren gefahren hatte und ich mich dann eine Zeit lang komplett den Drehbüchern zugewandt hatte, die durchaus auch ihre guten Seiten haben – sie sind schnell und spannend und dialogbetont, was meine Schwächen – vor allem das Beschreiben und Schreiben längerer Handlungen – relativ unbedeutent machen ließ. Sie sind immer noch ein gutes Format.

Doch irgendwann verliert alles seinen Reiz, und ich bin zudem wieder auf der Suche nach Herausforderungen. Mein NaNo-Projekt war mehr wie ein Drehbuch in Romanform angelegt – es passierte viel und schnell, und eine Enthüllung folgte auf die andere – aber dieses neue Buch sollte etwas „buchiger“ werden, und für das korrekte Wort an dieser Stelle wäre ich dankbar.

Auf die Anregung einer guten Freundin distanzierte ich mich auch für dieses Werk von der Science Fiction, deren Grenzenlosigkeit ein Segen, aber auch ein Fluch sein kann, und wandte mich dem Fantasy-Genre zu, das ein wenig genauere Planung erfordert. In Science-Fiction-Büchern ist es immer möglich, wenn der Plot steckt, den Planeten zu verlassen oder eine Flotte grauer, unbarmherziger Außerirdischer im Himmel erscheinen zu lassen, die aus Gründen, die nur ihnen bekannt sind, den Auftrag haben, diesen Planeten zu säubern, oder eine Maschine, die im Innern größer ist als außen, und in der ein verrückter Mann unterwegs ist, dessen Job es ist, das Universum dreimal täglich zu retten. Oder, oder, oder.

Fantasy benötigt mehr Gründlichkeit. Die Handlungen der Charaktere müssen spürbare Auswirkungen haben. Im Gegensatz zu Sci-Fi sind nach oben Grenzen gesetzt (selbst Engel oder Sukkubi oder Drachen würden im Vakuum wohl nicht überleben, geschweige denn die Zeit haben, 15.3 Lichtjahre nach Delta Epsilon Minori zu fliegen). Daher verbrachte ich viel Zeit mit World Building, denn es war mir ein Anliegen, den Schauplatz zumindest ein wenig von der 0815-Fantasy abzuheben.

Wichtig ist es dabei meiner Meinung nach, Grundzüge der hier lebenden Zivilisation(en) zu bilden und dann einige Details herauszuarbeiten. Der Rest kommt erfahrungsgemäß mit dem Schreiben. (World Building ist ja, meiner Meinung nach, eine meiner Stärken.) World Building ist es daher, eine Gesellschaft, die am Rande technischer Revolutionen steht, entdecken zu lassen, dass es eine seltene Art Fels gibt, die Energie speichert, und sie nach ihrem Wissen reagieren zu lassen: Die Errichtung hoher, großer, wackeliger Türme, Ungetüme, bedrohlich erscheindende Metallgerüste, in der Hoffnung dass dort ein Blitz einschlagen möge, der vom Metall in den Stein geleitet wird, von welchem aus die ersten klapprigen Maschinen betrieben werden können?

Diese Art der Ideen, der Versuch, originelle Ideen in einen halbwegs glaubwürdigen Kontext zu binden, ist für mich das Wichtigste am World Building.

Dazu brauchte ich eine Ausgangsbasis, ein Königreich, nein, besser, ein Kaiserreich, und für dieses Kaiserreich einen Namen, Praxia. Doch was war Praxia? Es hatte einen siechen Kaiser, Castian, und einen Rat, der die Tagesgeschäfte führte und in seine eigenen Intrigen versponnen war. Es brauchte eine Bedrohung, die organisch zu wachsen schien, denn ein dunkler Lord, der plötzlich nach dem Verzehr eines schimmligen Joghurts draufkommt: „HALTAUS LEIT, HEIT EROBER MA DIE WELT“ ist nicht nur schon sehr wohlbekannt (und bayrisch), sondern auch langweilig. Daher war es wichtig, eine Bedrohung, die innerhalb der Parameter der Welt möglich war, durch die Arroganz und Kurzsichtigkeit der Menschen zur Wahrheit zu machen.

Und um die Bedrohung zu besiegen, braucht es einen Helden. Und um den Helden interessant zu machen, braucht er Charakter und Begleiter und vor allem eine Aufgabe, sprich: das Buch braucht einen interessanten Plot.

Hier wählte ich den Zugang, dass alt und bewährt nicht unbedingt schlecht ist. Ich bin an Storytelling-Techniken interessiert, und am nächsten liegt die Heldenreise, Jonathan Campbells Monomythos, da sie einfach so erfolgreich und packend ist. (Star Wars hatte auch Erfolg, indem es einfach den Monomythos „stahl“. Und Eragon hatte erfolg, indem es Star Wars stahl. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.)

Was also liegt näher, den Monomythos zu nehmen, und auf der einen Seite eng zu adaptieren und ihm zu folgen, aber andereseits die vielleicht mangelnde Originalität der Grundstruktur durch interessante Details zu negieren? Und dazu kommt noch, dass die von den populären Werken benutzte Struktur des Monomythos stark verkürzt ist, da sie sich davor scheut, die Konsequenzen zu zeigen. Die Originalstruktur würde bedeuten, dass Frodo am Ende der „Zwei Türme“ in der Schicksalsspalte ankommt, der Imperator am Ende von „Das Imperium schlägt zurück“ stirbt oder Lord Voldemort irgendwo im „Orden des Phönix“ das Zeitliche segnet. Aber was danach kommt, wirkt oft vielleicht nicht wirklich interessant.

Das ist die größte Veränderung im Vergleich zu anderen Werken, die ich vorhabe, vorzunehmen (vorausgesetzt, ich komme so weit). Was der Höhepunkt zu sein scheint, ist nicht mehr als Katalysator für ein Nachspiel, ein ungleich weniger abgehobener Teil der Geschichte, aber ein wichtiger Teil der Geschichte. Bis zu Campbells Apotheose ist die Geschichte ein junger Soldat in strahlender Rüstung, der es kaum erwarten kann, die erste Schlacht zu schlagen und selbst in der Freizeit begierig mit seinem Schwert trainiert. Mit der Magischen Flucht verwandelt sie sich in einen ebenso jungen, aber zugleich viel älteren Soldaten in schmutziger, verschmierter und zerbeulter Rüstung, der nur mehr Blut und Regen und Tod sieht und sich wünscht, nie in diese Schlacht gezogen zu sein.

Man sieht, mein Vorhaben, das Ganze etwas leichter zu machen, werde ich wohl nicht bis zum Schluss durchhalten. Aber zuerst muss ich die ersten Worte schreiben.

Morgen.

Oder übermorgen, oder am Wochenende, denn Aufschieben ist eine schöne Sache, bis sie hässlich wird. Aber erfahrungsgemäß wird es nach ein, zwei Absätzen einfacher.

Aber mit einem jungen Helden, einem sprechenden Amulett, verbogenen Geweben, dem Exodus alter Macht und ein paar guten Ideen, was kann schiefgehen bei diesem Werk, das den Arbeitstitel „Die Pflicht des Magiers“ trägt?

TL;DR: Theorien über Storystrukturierung und Worldbuilding. Aber was macht ein TL;DR-Kandidat auf einem Blog über den Versuch, einen Roman zu erstellen…?