Jeder Autor hat von seinen Charakteren ein gewisses Bild in seinem Kopf, ich vermute sogar jene, die sagen, es handle sich um Archetypen statt um bestimmte Personen. Und die meisten dieser Autoren wollen dieses Bild auch ihren Lesern vermitteln. Aber wie?

Franz Müller war 30 Jahre alt und 1,82 Meter groß. Er hatte braune Haare, die sich bereits lichteten, und trug eine Brille. Sein kantiges Kinn zierte ein Spitzbart, und er trug einen alten, grauen Pullover.

Jetzt können wir uns Franz Müller ziemlich eindeutig vorstellen. Aber diese Art Beschreibung holt uns wahrscheinlich ziemlich aus der Geschichte heraus. Es handelt sich hierbei eindeutig um Tell, nicht um Show (s. der letzte Post). Wir sind diese Art Beschreibung gewohnt. In der Schule lernen wir, unsere Personen auf diese Art und Weise zu charakterisieren, und auch in der Zeitung lesen wir Personenbeschreibungen in diesem knappen, faktuellen Stil (falls überhaupt). Aber dieser Stil ist in den meisten Geschichten nicht angebracht. Ausnahmen gibt es natürlich immer.

Es wäre einfach, diese Beschreibungen einzubauen, indem wir den Charakter sein Spiegelbild betrachten lassen. Aber auch für diesen Fall müssen wir uns etwas einfallen lassen, uns möglichst auf eine herausragende Eigenschaft konzentrieren, denn ansonsten haben wir das gleiche wie oben, nur in grün:

Franz sah sich in den Spiegel. Er begutachtete sich von oben nach unten – er war mit seinen 1,82 Meter weder besonders groß noch besonders klein – und betrachtete zuerst seine braunen Haare, die sich bereits lichteten,  dann seine Brille und sein kantiges Kinn, das ein Spitzbart zierte. …

Schon wieder haben wir nur eine Auflistung von Eigenschaften. Folgendes ist etwas ganz anderes.

Franz ging ins Badezimmer und sah sich in den Spiegel. Er seufzte laut auf – die letzten Tage hatten ihre Spuren hinterlassen, und er fragte sich, ob er nicht schon die ersten Spuren eines kommenden Haarausfalls sah. Er schüttelte den Kopf. Das war doch sicher bloß Einbildung.

Es ist übrigens ebenso unwahrscheinlich, dass Susi, Franz‘ Freundin, ihn mit der obengenannten Liste von äußeren Eigenschaften beschreiben wird. Eher wird sie an eine einzige Eigenschaft denken, wegen der sie sich besonders zu ihm hingezogen fühlt.

Mit Charaktereigenschaften ist es das selbe, nur noch verschärft.

Franz war intelligent, nachgiebig, konnte aber in erstaunliche Wutanfälle ausbrechen, wenn man ihn zu sehr reizte.

Wieder ist das eine bloße Aneinanderreihung von Eigenschaften, die wir glauben können oder auch nicht (eher nicht, wenn sie in der restlichen Geschichte nicht deutlich genug gezeigt werden). Ein Beispiel, wie wir es besser machen können, wäre (etwas übertrieben):

Er hatte wirklich versucht, mit seinem Mitarbeiter, Herrn Schmidt, Geduld zu haben. Er hatte ihm zehn Minuten zugesehen, als er eine Arbeit nach der anderen versaute, aber jetzt reichte es ihm. „Genug!“, brüllte er, und er wusste, dass sein Kopf knallrot war, „Sie sind gefeuert!!“

 

Progress Update zum Buch: Mitte Kapitel 2. Zu wenig Zeit als Hauptproblem.